KG21GA_verein zur förderung der hinterhofkultur, Karmelitergasse 21, 2. Hinterhof, Innsbruck
OSMOSIS_identity quest

[Stiegenhausmusik] #09

 

OSMOSIS_identity quest

Katalogpräsentation

Charlotte SIMON & Daniela Maria SPAN

 

Entity Contact

Multimedia Performance

Chtistoph Fügenschuh

 

Donnerstag, 28. November 2013

 

doors 19:00



OSMOSIS_identity quest (Katalogtext Daniela Span)

Danielas Bilder lösen in mir eine Reflexion meines eigenen Lebens aus. Die Bilder erwecken Erinnerungen an meine Kindheit, eine Zeit, in der ich von meiner Zukunft träumte, in der sich meine Geschlechtsidentität ausbildete. Daniela erweckt das Mädchen in mir, das ich einst war, ein Mädchen, das von Romantik träumte, das schön sein wollte wie die wundervolle Barbie, das deren Glück erfahren wollte, das von einer sorgenlosen Zukunft mit ihrem Ken träumte. Barbie und Ken waren meine Schablone des Glücks. Mit Barbie lernte ich Erotik kennen und begann diese spielerisch zu erfahren. Doch es sind auch die Erinnerungen an den Konsumüberfluss, in dem ich lebte, an das nahezu Ersticken in einer Welt voll Plastik, an das Ruhiggestelltwerden mit Geschenken, an Einsamkeit.

Die Gewalt, die Barbie in Danielas Werken widerfährt, löst in mir wesentlich jüngere Erinnerungen aus. Es sind die Momente, die mich dazu zwangen, meine Träume aus der Kindheit loszulassen. Momente, die geprägt waren von Herausforderungen, Widersprüchen und (Existenz-) Ängsten. Prozesse der Ent_täuschung werden in mir wach, Prozesse, die mir den Glauben an meine Kens und Batmens nahmen, Prozesse, die mir die Eindimensionalität des Barbieglücks bewusst machten. Daniela kontrastiert den Traum mit der Wirklichkeit und verdichtet diesen Kontrast in ihren Werken. Sie zeigt auf, dass die Wirklichkeit komplex ist und nicht nur von Glück und Happy Ends geprägt ist.

Denn diese Wirklichkeit ist auch durchzogen von Gewalt. Diese Gewalt kann körperlich sein. Sie kann sich in sexuellen Übergriffen zeigen oder andere Formen körperlicher Gewalt annehmen. Diese Gewalt kann aber auch psychischer Natur sein und in subtileren Formen des Übergriffs erscheinen. Es gibt Momente, da würde man sich wünschen, den eigenen Körper, die eigenen Schmerzen hinter sich zu lassen, einfach abzustreifen und vergessen zu können, tot und leer liegen zu lassen, die Barbie, die Maske, die der Gesellschaft entspricht und ihr unentwegt zulächelt.

Doch die Gewaltformen, die unseren Gesellschaften inhärent sind, sind auch struktureller Natur. Sie sind so vielschichtig wie Danielas Werk selbst. Diese gewaltvollen Strukturen sind Machtverhältnisse, Machtverhältnisse, die auf Ungleichheiten beruhen, die hierarchisieren und ausgrenzen. Diese Verhältnisse ordnen zu, fein säuberlich. Sie kategorisieren in Gegensatzpaaren, sie bedienen sich einer auf Dichotomien beruhenden Matrix. Daniela zeigt auf, wie der Diskurs schubladisiert. Wie es eindeutige Zuordnungen für Weiblichkeit und Männlichkeit gibt, wie wir alle erzogen und sozialisiert werden, um diesen Ansprüchen zu entsprechen.

Denn was bedeuten die Kategorien weiblich und männlich? Wie frei sind wir darin, diese Kategorien mit Werten zu füllen oder mit Lebensweisen auszugestalten? Wir lernen einer Norm zu entsprechen. Die HeldInnen des Konsumzeitalters und die HeldInnen des Christentums, die Daniela wählt, sind Facetten eines dichten Netzes, das uns lehrt, wer wir zu sein und wie wir zu leben haben. Dieses Netz ist durchzogen von Machtverhältnissen, die Abhängigkeiten stützen, die gewaltvoll wirken. Es sind die Antworten, die wir lernen auf Fragen, die wir uns stellen, Fragen wie: Wer bin ich? Wie habe ich mich als „Frau“ oder als „Mann“ zu verhalten? Was sind meine entsprechenden Aufgaben? Wie ist eine „gute Frau“? Wie ist eine „gute Mutter“? Wie ist ein „guter Mann“? Wie ist ein „guter Vater“? Es sind Vorstellungen von Moral und Lebensaufgaben, die uns unentwegt eingeflüstert werden, Vorstellungen, die uns einen Platz zuweisen, Vorstellungen, die uns lehren heterosexuell zu leben und Homosexualität und Bisexualität sowie Inter- und Transsexualität als Abweichung von der Norm setzen.

Diese Vorstellungen stützen Machtverhältnisse, die unsere Gesellschaften durchdringen. Gewaltverhältnisse, die struktureller Natur sind, eine Struktur, die einen Anpassungszwang auslöst, Anpassungsleistungen, die zu innerer Zerrissenheit und moralischen Konflikten führen können, Anpassungsleistungen, die die herrschende Matrix reproduzieren, eine Matrix, die die Mehrfachbelastungen von Frauen verschleiert, die Einkommensschere legitimiert und das traditionelle bürgerliche Familienmodell propagiert. Diese Vorstellungen bilden den Maßstab, anhand dessen wir gemessen werden und anhand dessen wir uns selbst und andere messen. Sie dienen als Richtschnur und zeigen uns auf, was wir zu erfüllen haben. Diese Vorstellungen entspringen einer westlichen industrialisierten Welt, die das Weißsein als Norm und klare Zuschreibungen für binär gesetzte Geschlechtsidentitäten setzt. Sie grenzen diejenigen, die nicht entsprechen aus, bewerten diese und stigmatisieren sie als „abnorm“. Wie einst die Kirche im Namen Gottes missionierend Wertvorstellungen global expandierte, so geschieht dies gegenwärtig im Namen des Kapitals ...“

Sabine Gatt

Sabine Gatt ist Politologin und Germanistin und arbeitet derzeit an ihrer politikwissenschaftlichen Dissertation im Bereich „Feministische Migrationsforschung“. Als alleinerziehende Mutter hat sie sich kritisch mit Rollenbildern und der Sozialisation Heranwachsender in der westlichen Konsumgesellschaft auseinandergesetzt.

 

OSMOSIS_identity quest (Katalogtext Charlotte Simon)

Bevor sich Charlotte Simon der Malerei zuwandte, war sie lange Jahre als Schauspielerin tätig. Die Erfahrungen, die sie am Theater sammelte, fließen auch in ihr künstlerisches Werk ein, in dem wir immer wieder auf Menschen treffen, die tierische Merkmale tragen, gar mit Tieren zu verschmelzen scheinen, aber auch von ihrer Umgebung wie durchdrungen wirken.

Angesichts Simons Bilderkosmos ist man an Ovids Metamorphosen erinnert, wo sich ständig alles wandelt, auf wunderbare Weise ineinander übergeht und keine Erscheinung ihre Gestalt behält, sondern Menschen und Götter zu Tieren oder Pflanzen werden können, Zeit und Raum nicht still stehen und die Wirklichkeit neu erschaffen wird. Ovid begreift die Natur als Verwandlerin aller Dinge, die stets aus alten erneuerte Formen hervorbringt, jedoch ohne dass sich im Wesen etwas ändert. Schlüpft man im Schauspiel in Rollen,so geht es nicht nur um den Aspekt der Verkleidung, sondern auch darum, die Mentalität von jemand anderem ganz und gar zu verkörpern. Nach Ende des Stücks kehrt man wieder zu sich selbst zurück, hat jedoch vielleicht gedanklich etwas mitgenommen, das man in die eigene Persönlichkeit integrieren kann.

Charlotte Simon spielt mit all diesen Assoziationen, lässt Märchenhaftes anklingen und schafft rätselhafte, magische, mitunter auch skurril anmutende Atmosphären. Mit ihren Bildideen visualisiert sie komplexe Fragen nach der Identität des Individuums, nach der Beziehung des Menschen zur Natur oder danach, wie äußere Einflüsse, der Kontakt mit der Umwelt und den Mitmenschen Gedanken, Gefühle, Handlungen, ja auch das eigene Erscheinungsbild formen und verformen können, sodass man sich verändert. Doch auch die körperliche und mentale Energie ihrer Protagonistinnen und Protagonisten scheint umgekehrt stark genug zu sein, um Einfluss auf ihre Umgebung auszuüben.

In einer Reihe von Gemälden, die Simon mit Eitempera – einem farbintensiven Malmittel – auf Holz angelegt hat, sehen wir Menschen in unterschiedlichen Beziehungen und Posen zu Tieren. Unter dem Titel „Mütze I“ (2011) ist eine indianisch aussehende Frau mit ornamentierter Kopfbedeckung und einem Eichhörnchen auf dem Arm hoch oben über einer weiten Berglandschaft im Profil dargestellt. In „Susanne am Silbersattel“ (2011) sitzt der Genannten ein Äffchen auf der Schulter, was ihr ziemliches Unbehagen zu bereiten scheint. In beiden Bildern blicken nicht die Menschen auf den Betrachter, sondern die Tiere fordern unseren Blick heraus. Während hier Tiere den Personen attributhaft zugeordnet werden und wie schamanische Krafttiere wirken, die beschützen und helfen sollen, lässt die Künstlerin in anderen Arbeiten Verwandlungen stattfinden. Einer Frau, die ein kleines Schweinchen wie eine Pistole vor sich hält, ist in „Pigpistol“ (2012) ein rosa Schweineohr gewachsen und ein überaus verloren wirkender Mann durchstreift als „Zebra“ (2012) mit schnellem Schritt und suchendem Blick den nur mit bläulichen Schlieren angedeuteten leeren Bildgrund. Dass es sich bei diesen Transformationen wohl nicht um einen schnell wieder rückgängig zu machenden Faschingsscherz handelt, sondern um eine ernste Angelegenheit, zeigen ihre Mienen und Haltungen und es scheint ihnen schwer zu fallen, sich mit den Eigenschaften der Tiere, zu denen sie geworden sind, zu identifizieren. In diesem inhaltlichen Kontext kann auch „Pelzebub“ (2013) gesehen werden. Allerdings ist das Fell, in das der Mann gehüllt ist, den der Titel in die Nähe des teuflischen Beelzebubs rückt, ein Mantel. Angesichts der haarigen Rauchblase, die statt Zigarettenqualm aus seinem Mund kommt, stellt sich die Frage, ob diese zweite Haut nicht doch bereits in das Innere übergegangen ist. Es sind wie hier bloß surreale Andeutungen, mit denen die Künstlerin gerne spielt, um dem Betrachter genügend eigenen Assoziationsspielraum zu lassen.

Den Gemälden zur Seite stehen großformatige Papierarbeiten in einer besonderen Technik. Neben der Verwendung von Aquarell- und Acrylfarben, Buntstiften und Bleistift bringt Charlotte Simon Kaffee zum Einsatz, der ein ganz besonderes Braun auf die Blätter zaubert. Oft verwendet die Künstlerin die Farbe als eine Art Grundierung, die sie unterschiedlich dicht, fleckig oder wolkig, je nachdem welche landschaftlichen oder figürlichen Assoziationen sie hervorrufen will, aufträgt. Dabei gibt es immer wieder Variationen eines Themas wie bei „Spaziersprung“ (2013) oder „Wannekind“ (2013). Wie in „Spaziersprung“, „Auf der Wiese“ (2012) oder „Im Garten“ (2012) wird Räumlichkeit mit nuancierten Farbabstufungen in den Tönen Braun, Beige, Weiß vage angedeutet, gezielt eingesetzte Farbtupfer in Rot, Rosa oder Hellblau setzen Akzente, umschreiben aber nicht unbedingt lesbare Bilddetails, sondern bleiben abstrakt. In den Bildgründen, die bisweilen wie Unterwasserlandschaften wirken, in denen Gräser auch Haare sein können, kann man merkwürdige Wesen erkennen, die mal Mensch, mal Tier, mal Elfen, mal alles zugleich zu sein scheinen. Sie schweben, haben keinen festen Halt, tauchen aus den Farbschlieren auf und führen ein ephemeres Leben. In ihnen scheint sich der Satz „Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug.“ der Lyrikerin Hilde Domin zu bewahrheiten, der für Charlotte Simon einen Leitfaden darstellt.

Beate Ermacora



                         

O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi O. T. 2013 | Digitale Grafik auf Aludibond/Plexi Stiegenhausmusik #09 - Flyer





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